L2-Lernende bauen eine Lernersprache auf – ein eigenständiges System zwischen ihrer Muttersprache (L1) und der Zielsprache. Es entwickelt sich durch Input und Feedback, kann aber an bestimmten Stufen fossilisieren.
Vier zentrale Prozesse erzeugen typische Fehler: L1-Transfer, Übergeneralisierung, Vereinfachung und Fossilisierung.
Vorhersage: Welcher Prozess steckt dahinter?
Lies jeden Fehlersatz und wähle den passenden Interlanguage-Prozess. Die Lernenden haben Englisch als Muttersprache und lernen Deutsch.
„Ich bin gegangen nach Hause gestern."
L1 (Englisch): „I went home yesterday." – Die Lernende (B1-Niveau) schreibt diesen Satz spontan.
„Er hat sein Hausaufgaben gemacht."
Ziel: „Er hat seine Hausaufgaben gemacht." – Derselbe Fehler tritt seit zwei Jahren in Aufsätzen und mündlichen Prüfungen auf, auch nach wiederholter Korrektur.
„Ich habedte einen Fehler gemacht."
Ziel: „Ich hatte einen Fehler gemacht." – Der Lernende kennt das Präteritum von „haben", bildet aber die Form analog zu schwachen Verben.
„Die Konferenz war gestern. Ich lernen viel."
Ziel: „… Ich habe viel gelernt." – Der Lernende (A2) vermeidet das Perfekt und nutzt den einfachsten verfügbaren Verbform.
Stufe 2 – Fossilisierungs-Profil
Fossilisierung erkennt man an einer zentralen Eigenschaft: Der Fehler bleibt trotz Input und Korrektur über die Zeit stabil. Im folgenden Lernerprofil siehst du fünf Fehler desselben Lernenden zu drei Messzeitpunkten (T1, T2, T3).
Entscheide für jeden Fehler: Ist er in Entwicklung (verbessert sich erkennbar) oder zeigt er Fossilisierungs-Muster (bleibt konstant oder kehrt immer wieder)?
Vorhersage: Entwicklung oder Fossilisierung?
Lernerin: Keiko (L1 Japanisch, lernt Deutsch seit 4 Jahren, Niveau B2)
Fehler A – Verbendstellung im Nebensatz
T1: „…weil er kommt nicht." → T2: „…weil er nicht kommt." → T3: „…weil er nicht kommt."
Diese vier Prozesse bilden die Grundlage von Selinkers Interlanguage-Modell (1972). Jeder Fehler im Zweitspracherwerb lässt sich einem oder mehreren dieser Mechanismen zuordnen.
Wichtig: Fehler im Zweitspracherwerb sind keine Zeichen von Desinteresse – sie sind systematisch und zeigen den aktuellen Erwerbsstand der Lernersprache. Nur Fossilisierung stellt ein dauerhaftes Plateau dar.