Linguistik · Sprachwandel

Lexikalische Diffusion: Wie breitet sich Sprachwandel aus?

Sage vorher, wie sich ein neues Wort ausbreitet – und erlebe die S-Kurve der lexikalischen Diffusion live in der Animation.

Klasse 11–13 Linguistik / Germanistik Abitur & Studium Interaktive Simulation

Stufe 1 von 3 · Vorhersage

Wie verbreitet sich ein neues Wort?

Szenario: Das englische Adjektiv „cool" taucht in den 1980er Jahren in der informellen deutschen Umgangssprache auf. Im Jahr 1985 verwenden es etwa 5 % der Sprecher*innen – vor allem junge Menschen in Großstädten.
Alte Form (z. B. „toll") Neue Form („cool")
Sprecher*innen-Gemeinschaft (1985)
Anteil neue Form (%)

Deine Vorhersage: Wie wird sich „cool" in den nächsten 30 Jahren in der deutschen Sprache ausbreiten?

Stufe 2 von 3 · Modell erleben

Die S-Kurve der lexikalischen Diffusion

Jeder Punkt steht für eine Sprecherin oder einen Sprecher. Die Animation zeigt, wie sich „cool" von 1985 bis 2015 verbreitet. Beobachte die drei Phasen: Anlauf → Durchbruch → Abschluss.
P(t) = 1 / (1 + e−k·(t − t₀))
P(t) = Anteil der Sprecher*innen mit neuer Form  |  k = Ausbreitungsrate  |  t₀ = Wendepunkt (50 %)
Alte Form Neue Form
Sprecher*innen-Gemeinschaft
Ausbreitung der neuen Form (%)
Bereit – drücke Start, um die Animation zu beginnen.

Die drei Phasen der S-Kurve:

1. Anlaufphase
0 – 20 % Nutzung

Innovator*innen übernehmen die neue Form. Ausbreitung ist noch langsam.

2. Durchbruchphase
20 – 80 % Nutzung

Rasanteste Ausbreitung. Die frühe und späte Mehrheit übernimmt die Form.

3. Abschlussphase
80 – 100 % Nutzung

Nur noch Nachzügler*innen behalten die alte Form. Wandel fast abgeschlossen.

Stufe 2 von 3 · Anwenden

Ordne reale Beispiele der richtigen Phase zu

Unten siehst du drei reale Sprachveränderungen im Deutschen. Jede befindet sich in einer anderen Phase der S-Kurve. Wähle die richtige Phase aus.

Beispiel 1: „wegen dem" statt „wegen des"

Der Dativ nach der Präposition „wegen" gilt als Fehler – doch im gesprochenen Deutsch liegt die Nutzungsrate bei ca. 15 % (Stand: 2000er Jahre). Die Puristen widerstehen noch.

Beispiel 2: „Handy" als deutsches Wort für Mobiltelefon

Das Wort „Handy" (eine Scheinentlehnung – im Englischen sagt man mobile phone) verbreitete sich rasant in den 1990ern und 2000ern. Ca. 60 % der Sprachgemeinschaft nutzen es aktiv (Jahr 2000).

Beispiel 3: „du gehst" statt „du gehest"

Die alte Konjugationsform „du gehest" galt bis ins 18. Jahrhundert als korrekt. Um 1900 nutzten über 95 % der Schreibenden bereits die Form „du gehst".

Abschluss · Zusammenfassung

Das hast du gelernt

Simulation abgeschlossen!

Lexikalische Diffusion S-Kurve (Logistisches Wachstum) Anlaufphase Durchbruchphase Abschlussphase Sprachwandel

Kernaussagen der lexikalischen Diffusion:

  • Sprachwandel verläuft nicht linear und nicht plötzlich, sondern folgt einer S-Kurve.
  • Die Formel dahinter ist das logistische Wachstumsmodell: P(t) = 1 / (1 + e−k(t−t₀)).
  • Innovator*innen, frühe Mehrheit, späte Mehrheit und Nachzügler*innen übernehmen die neue Form zu verschiedenen Zeiten.
  • Das Konzept der lexikalischen Diffusion wurde von William S-Y. Wang (1969) entwickelt und durch Chin-Chuan Chens mathematisches Modell (1972) formalisiert.