Pidgin- und Kreolsprachen: Wie entstehen Kontaktsprachen?
Entdecke, wie sich neue Sprachen bilden, wenn Sprachgemeinschaften aufeinandertreffen –
von der vereinfachten Kontaktsprache bis zur vollwertigen Kreolsprache.
Klasse 9–13Linguistik-GrundkursAbitur Sprachwissenschaftca. 8–12 Min.
Stufe 1 von 20 %
1 · Vorhersage2 · Klassifizierung
Animiertes Modell: Sprachkontakt und Kreolisierung
Englisch (Kolonialsprache)
Melanesische Sprachen (> 800 Sprachen)
Pidgin / Tok Pisin
Stufe 1 · Vorhersage
Was entsteht bei dauerhaftem Sprachkontakt?
Lies das Szenario und mache deine Vorhersage – bevor du die Erklärung siehst.
Szenario: In Papua-Neuguinea existieren über 800 verschiedene Sprachen.
Im 19. Jahrhundert kommen englischsprachige Händler und Kolonisatoren an.
Die Gruppen haben keine gemeinsame Sprache.
Was passiert, wenn sie über Generationen hinweg dauerhaft miteinander kommunizieren müssen?
Richtig! Durch Pidginisierung entsteht
bei dauerhaftem Kontakt zunächst ein Pidgin: eine vereinfachte
Kontaktsprache mit reduziertem Wortschatz (~500–1 500 Wörter), kaum Morphologie und keinen
Muttersprachlern (nur Zweitsprache).
Wenn Kinder im Pidgin-Umfeld aufwachsen und es als Erstsprache erwerben,
bauen sie intuitiv eine vollständige Grammatik auf – das nennt die Linguistik
Kreolisierung. Das Ergebnis ist eine vollwertige
Kreolsprache.
Nicht ganz! In der Praxis entsteht bei dauerhaftem Sprachkontakt durch
Pidginisierung zunächst ein
Pidgin – eine vereinfachte Kontaktsprache mit reduziertem
Wortschatz und wenig Grammatik. Niemand spricht es anfangs als Muttersprache.
Wachsen Kinder damit auf, bauen sie intuitiv eine vollständige Grammatik auf:
Kreolisierung → Kreolsprache.
Sprachen werden selten vollständig verdrängt; meistens entsteht Neues aus dem Kontakt.
Stufe 2 · Klassifizierung
Pidgin oder Kreolsprache? Ordne die Merkmale zu.
Unten siehst du vier Merkmale. Klicke jeweils auf Pidgin oder Kreolsprache,
um das Merkmal richtig einzuordnen. Überprüfe danach alle Antworten.
Hat keine Muttersprachler – wird nur als Zweitsprache genutzt.
Nur Pidgins haben keine Muttersprachler – Kreolsprachen entstehen gerade dann, wenn Kinder anfangen, die Sprache als Erstsprache zu erwerben.
Wird von Kindern als Erstsprache erworben und dabei mit vollständiger Grammatik ausgebaut.
Das ist das Kernmerkmal der Kreolisierung: Kinder erwerben das Pidgin als Muttersprache und ergänzen intuitiv eine vollständige Grammatik.
Sehr kleiner Wortschatz (unter 1 500 Wörter), stark vereinfachte Struktur.
Reduziertheit ist das wichtigste Merkmal eines Pidgins – Kreolsprachen haben einen viel größeren, vollwertigen Wortschatz.
Hat ausgebaute Tempus- und Aspektmarkierung (TMA-Marker vor dem Verb) und vollständige Satzstrukturen.
Ausgebaute Grammatik (TMA-Marker, Relativsätze) ist typisch für Kreolsprachen – Bickerton (1981) beschreibt diese Grammatik als universale angeborene Sprachprinzipien.
Zusammenfassung
Du hast das Grundprinzip verstanden:
Ein Pidgin entsteht als Notlösung für erwachsene Sprecher –
kein Muttersprachler, stark reduzierter Wortschatz, kaum Grammatik.
Wenn Kinder dieses Pidgin als Erstsprache erwerben, vervollständigen sie intuitiv die Grammatik:
Das ist die Kreolisierung.
Das Ergebnis – die Kreolsprache –
ist eine vollwertige Sprache mit eigenem grammatischen System.
Merkmal
Pidgin
Kreolsprache
Muttersprachler
Keine
Ja (nativiert)
Wortschatz
Sehr gering (< 1500)
Vollständig ausgebaut
Grammatik
Stark vereinfacht
Vollständig (TMA-Marker)
Erwerb
Nur Zweitsprache
Erst- und Zweitsprache
Beispiel
Frühes Tok Pisin (19. Jh.)
Heutiges Tok Pisin (~120 000 Muttersprachler)
Tok Pisin – Beispielwörter (faktisch geprüft): haus = Haus (von engl. „house") ·
gutpela = gut/schön (von engl. „good" + Suffix -pela) ·
toktok = sprechen (Reduplikation von engl. „talk") ·
pikinini = Kind (aus port./pidgin-engl. „piccannini") ·
kaikai = Essen (Reduplikation, melanesischer Ursprung)