Sehen wir, was wir benennen können?
Schau dir die beiden Blautöne unten an. Im Deutschen sagen wir für beide einfach „blau". Im Russischen gibt es jedoch zwei obligatorische Grundwörter:
In einem Experiment (Winawer et al., 2007) sollten Probanden so schnell wie möglich entscheiden, ob zwei Blautöne gleich oder verschieden sind.
Was sagst du vorher?
Welche Auswirkung hat es, dass Russischsprachige zwei Wörter für Blau kennen?
Das Farbspektrum-Experiment
Russisch teilt das Blau-Spektrum an einer klaren Stelle: Farben links davon heißen голубой, Farben rechts davon heißen синий. Deutsch und Englisch kennen diese Grenze nicht — hier ist alles einfach „blau".
Winawer et al. (2007) zeigten: Russischsprachige waren beim Vergleich zweier Farben ca. 100–130 ms schneller, wenn die Farben auf verschiedenen Seiten der russischen Grenze lagen (голубой vs. синий) als wenn beide auf derselben Seite lagen. Bei Deutschsprachigen zeigte sich kein solcher Effekt — weil die Grenze im mentalen Lexikon fehlt.
Aufgabe: Farbzuordnung
Zwei Runden: Entscheide jeweils, welches untere Farbfeld dem Zielfeld oben näher ist.
Achte darauf, wie schwer oder leicht dir die Entscheidung fällt.
Zielfeld und beide Optionen liegen im Bereich голубой (Hellblau). Welche Option ist dem Ziel am ähnlichsten?
Das Zielfeld liegt im голубой-Bereich. Eine Option liegt ebenfalls dort — die andere ist синий. Welche Option passt?
Stark oder schwach?
Die Sapir-Whorf-Hypothese gibt es in zwei Versionen. Klassifiziere die folgenden Behauptungen: Starke SWH (Sprachdeterminismus), Schwache SWH (Sprachrelativität) oder Keine SWH (anderes Thema).
Schwache SWH: Sprache beeinflusst Wahrnehmung und Kognition in bestimmten Domänen — empirisch belegt.
„Wer kein Wort für ‚Freiheit' hat, kann sich Freiheit nicht vorstellen."
„Russischsprachige erkennen bestimmte Blautöne schneller als Deutschsprachige, weil Russisch zwei Grundwörter für Blau hat."
„Kinder lernen ihre Muttersprache in den ersten Lebensjahren besonders schnell und mühelos."
Zusammenfassung: Sapir-Whorf-Hypothese
Starke SWH (Sprachdeterminismus)
Sprache bestimmt das Denken vollständig. Weitgehend widerlegt — Menschen nehmen wahr, auch ohne das passende Sprachlabel.
Schwache SWH (Sprachrelativität)
Sprache beeinflusst Wahrnehmung und Kognition. Empirisch belegt — z. B. kategorieller Wahrnehmungseffekt bei Farben (Winawer et al. 2007).
Schlüsselexperiment
Russischsprachige waren ~100–130 ms schneller beim Unterscheiden von голубой vs. синий. Der Effekt verschwand bei verbaler Ablenkung — Sprache war ursächlich.
Klausurtipp
Immer beide Versionen nennen und klar unterscheiden. Ein empirisches Beispiel für die schwache SWH: das Russisch-Blau-Experiment.