Linguistik · Sprachreflexion · Klasse 10–13

Sapir-Whorf-Hypothese

Beeinflusst unsere Sprache, wie wir die Welt wahrnehmen? Erlebe den kategoriellen Wahrnehmungseffekt und unterscheide starke und schwache Sprachrelativität.

1
2
3
Stufe 1 von 3
Stufe 1 · Vorhersage

Sehen wir, was wir benennen können?

Schau dir die beiden Blautöne unten an. Im Deutschen sagen wir für beide einfach „blau". Im Russischen gibt es jedoch zwei obligatorische Grundwörter:

голубой
(goluboy = Hellblau)
синий
(siniy = Dunkelblau)
blau
(Deutsch/Englisch: alles „blau")
Russisch
голубой (Hellblau) синий (Dunkelblau)
Deutsch
blau

In einem Experiment (Winawer et al., 2007) sollten Probanden so schnell wie möglich entscheiden, ob zwei Blautöne gleich oder verschieden sind.

Was sagst du vorher?

Welche Auswirkung hat es, dass Russischsprachige zwei Wörter für Blau kennen?

Stufe 2 · Canvas-Experiment

Das Farbspektrum-Experiment

Russisch teilt das Blau-Spektrum an einer klaren Stelle: Farben links davon heißen голубой, Farben rechts davon heißen синий. Deutsch und Englisch kennen diese Grenze nicht — hier ist alles einfach „blau".

голубой (Hellblau) синий (Dunkelblau)
Befund: Kategorieller Wahrnehmungseffekt
Winawer et al. (2007) zeigten: Russischsprachige waren beim Vergleich zweier Farben ca. 100–130 ms schneller, wenn die Farben auf verschiedenen Seiten der russischen Grenze lagen (голубой vs. синий) als wenn beide auf derselben Seite lagen. Bei Deutschsprachigen zeigte sich kein solcher Effekt — weil die Grenze im mentalen Lexikon fehlt.

Aufgabe: Farbzuordnung

Zwei Runden: Entscheide jeweils, welches untere Farbfeld dem Zielfeld oben näher ist.

Achte darauf, wie schwer oder leicht dir die Entscheidung fällt.

Runde 1 Innerhalb derselben russischen Kategorie

Zielfeld und beide Optionen liegen im Bereich голубой (Hellblau). Welche Option ist dem Ziel am ähnlichsten?

Zielfeld
A
B
Runde 2 Über die russische Kategoriengrenze hinweg

Das Zielfeld liegt im голубой-Bereich. Eine Option liegt ebenfalls dort — die andere ist синий. Welche Option passt?

Zielfeld
A
B
Stufe 3 · Stark vs. Schwach

Stark oder schwach?

Die Sapir-Whorf-Hypothese gibt es in zwei Versionen. Klassifiziere die folgenden Behauptungen: Starke SWH (Sprachdeterminismus), Schwache SWH (Sprachrelativität) oder Keine SWH (anderes Thema).

Starke SWH: Sprache bestimmt das Denken vollständig — man kann nur denken, wofür man Wörter hat (weitgehend widerlegt).

Schwache SWH: Sprache beeinflusst Wahrnehmung und Kognition in bestimmten Domänen — empirisch belegt.

„Wer kein Wort für ‚Freiheit' hat, kann sich Freiheit nicht vorstellen."

„Russischsprachige erkennen bestimmte Blautöne schneller als Deutschsprachige, weil Russisch zwei Grundwörter für Blau hat."

„Kinder lernen ihre Muttersprache in den ersten Lebensjahren besonders schnell und mühelos."

Abgeschlossen

Zusammenfassung: Sapir-Whorf-Hypothese

Starke SWH (Sprachdeterminismus)

Sprache bestimmt das Denken vollständig. Weitgehend widerlegt — Menschen nehmen wahr, auch ohne das passende Sprachlabel.

Schwache SWH (Sprachrelativität)

Sprache beeinflusst Wahrnehmung und Kognition. Empirisch belegt — z. B. kategorieller Wahrnehmungseffekt bei Farben (Winawer et al. 2007).

Schlüsselexperiment

Russischsprachige waren ~100–130 ms schneller beim Unterscheiden von голубой vs. синий. Der Effekt verschwand bei verbaler Ablenkung — Sprache war ursächlich.

Klausurtipp

Immer beide Versionen nennen und klar unterscheiden. Ein empirisches Beispiel für die schwache SWH: das Russisch-Blau-Experiment.

Quelle: Winawer, J., Witthoft, N., Frank, M.C., Wu, L., Wade, A.R. & Boroditsky, L. (2007). Russian blues reveal effects of language on color discrimination. PNAS, 104(19), 7780–7785.
← Alle Lernmaterialien · Nachhilfe Mentor