Stufe 1 — Vorhersage
Schau dir die folgende Äußerung an. Was passiert hier aus linguistischer Sicht?
„
Kannst du mir das Salz geben?"
Was ist das grammatisch — und was meint der Sprecher eigentlich?
Genau! Grammatisch ist das ein Fragesatz — aber die Illokution
(kommunikative Absicht) ist eine Bitte (Direktiv). Niemand antwortet
„Ja, ich kann!" und bleibt sitzen. Das nennt die Pragmatik einen
indirekten Sprechakt: Form und Funktion fallen auseinander (Searle 1969).
Grammatisch stimmt: Es ist ein Fragesatz. Aber nach Austins Sprechakttheorie
zählt die kommunikative Absicht — und die ist hier eine Bitte (Direktiv),
kein Informationsersuchen über Fähigkeiten. Das ist ein klassischer indirekter Sprechakt.
Stufe 2 — Illokution klassifizieren
Welche Illokutionskategorie (nach Searle) trifft jeweils zu?
Searles 5 Kategorien — Kurzreferenz
RepräsentativSachverhalt behaupten
DirektivHörer zu Handlung auffordern
KommissivSprecher verpflichtet sich
ExpressivGefühl/Haltung ausdrücken
DeklarativÄußerung schafft Realität (Öffentlich-institutionell)
Aufgabe 1 von 4
„
Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands."
Welche Illokution liegt vor?
Korrekt! Das ist eine Behauptung (Repräsentativ) — der Sprecher
stellt einen Sachverhalt als wahr dar. Syntaktischer Typ und Illokution stimmen hier überein.
Nach Searle kennzeichnen Repräsentativa die Aufrichtigkeit des Glaubens an den Sachverhalt.
Niemand wird aufgefordert (kein Direktiv), niemand verpflichtet sich (kein Kommissiv),
kein Gefühl wird ausgedrückt (kein Expressiv). Der Sprecher beschreibt schlicht einen Sachverhalt —
das ist ein Repräsentativ (Behauptung) nach Searle.
Stufe 3 — Indirekte Sprechakte
Wenn Form und Funktion auseinanderfallen, spricht Searle von einem indirekten Sprechakt. Bestimme jeweils die tatsächliche Illokution.
Indirekter Sprechakt – Merksatz
Lokutionärer Typ (Satzform) ≠ Illokution (Absicht). Der Kontext entscheidet — nicht die Grammatik.
Alle 5 Kategorien
RepräsentativSachverhalt behaupten
DirektivHörer auffordern
KommissivSprecher verpflichtet sich
ExpressivGefühl ausdrücken
DeklarativÄußerung schafft Realität
Aufgabe 1 von 3
„
Es ist kalt hier."
Kontext: Ein Büroraum mit weit geöffnetem Fenster im Winter. Kollegin sagt das zu einem Kollegen, der neben dem Fenster sitzt.
Was ist die tatsächliche Illokution?
Richtig! Lokution: Aussagesatz über Temperatur. Illokution: Direktiv (Bitte).
Perlokution: Der Kollege schließt das Fenster. Der Kontext macht deutlich, dass keine
neutrale Wetter-Information gemeint ist. Das nennt Searle einen indirekten Sprechakt:
Die Sprecherin erreicht ihr Ziel (Fenster schließen) durch eine wörtlich andere Äußerung.
Im Kontext (Winter, offenes Fenster, Kollege daneben) hört ein kompetenter Sprecher
keine neutrale Wetteraussage. Die Sprecherin bittet indirekt darum, das Fenster zu schließen —
das ist ein indirekter Sprechakt: Direktiv (Bitte) nach Searle.
—
von 8 Aufgaben richtig
Was du geübt hast
- Lokutionären, illokutionären und perlokutionären Akt unterscheiden (Austin 1962)
- Illokutionskategorien nach Searle klassifizieren (Repräsentativ, Direktiv, Kommissiv, Expressiv, Deklarativ)
- Indirekte Sprechakte erkennen: syntaktische Form ≠ kommunikative Funktion
- Deklarativa als Sonderfall: Äußerung schafft institutionelle Realität
Quellen: Austin, J. L. (1962). How to Do Things with Words.
Oxford UP. — Searle, J. R. (1969). Speech Acts. Cambridge UP.
— Meibauer, J. (2008). Pragmatik. Tübingen: Stauffenburg.