Die Aufgabe klingt eigentlich ganz einfach: Du bekommst ein Blatt Papier mit dem Anfang einer Geschichte, schreibst ein paar Sätze weiter und gibst es dann an die nächste Person. Doch genau hier beginnt für viele Schülerinnen und Schüler die Unsicherheit. Wie knüpfst du sinnvoll an, was dein Mitschüler geschrieben hat? Was macht deinen Abschnitt spannend? Und worauf musst du beim Kettengeschichte schreiben unbedingt achten? Dieser Artikel beantwortet alle diese Fragen.
Was ist eine Kettengeschichte?
Eine Kettengeschichte ist eine Erzählform, bei der mehrere Personen nacheinander an derselben Geschichte schreiben. Jede Person setzt dort fort, wo die Vorgängerin oder der Vorgänger aufgehört hat. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die keine Einzelperson alleine geplant hat und die oft überraschende Wendungen nimmt.
Im Deutschunterricht wird die Kettengeschichte häufig als Gruppenaufgabe eingesetzt, besonders in Klasse 5 und 6. Manchmal sieht die Aufgabe so aus: Person A beginnt, faltet das Papier um, damit der Anfang verdeckt ist, und gibt es weiter. Person B schreibt weiter, ohne den ganzen bisherigen Text zu kennen. Bei anderen Varianten darf der gesamte Text gelesen werden, bevor man weiterschreibt.
Manchmal stellt der Lehrer auch eine Einzelvariante: Jeder Schüler schreibt eine vollständige kurze Kettengeschichte alleine, indem er vorgegebene Startsätze nacheinander aufgreift und verknüpft.
Aufbau einer Kettengeschichte
Auch wenn eine Kettengeschichte spontan entsteht, braucht sie eine erkennbare Struktur. Gute Kettengeschichten folgen dem klassischen Drei-Akte-Aufbau:
- Einstieg: Die erste Person stellt eine Figur vor, schildert den Ort und die Ausgangsituation. Ein spannender erster Satz ist besonders wichtig, damit alle anderen motiviert weiterschreiben wollen.
- Hauptteil (mehrere Abschnitte): Jede weitere Person bringt ein neues Ereignis, einen neuen Konflikt oder eine Wendung. Der Spannungsbogen steigt langsam an.
- Schluss: Die letzte Person bringt die Geschichte zu einem Ende. Das kann eine Auflösung, eine Erkenntnis oder auch ein offenes Ende sein.
Wichtig: Auch wenn du nicht weißt, was nach dir kommt, sollte dein Abschnitt die Geschichte voranbringen und nicht abrupt beenden.
Kettengeschichte schreiben: So gelingt dein Abschnitt
Wenn du an der Reihe bist, gehe in vier Schritten vor:
- Lies den bisherigen Text sorgfältig: Wer sind die Figuren? Wo findet die Geschichte statt? Was ist der Ton - lustig, spannend, gruselig? Notiere dir diese Punkte kurz im Kopf.
- Knüpfe nahtlos an den letzten Satz an: Beginne deinen Abschnitt dort, wo der Vorherige aufgehört hat. Erfinde keine komplett neue Situation, die nichts mit dem Vorherigen zu tun hat.
- Füge ein neues Element ein: Eine unerwartete Entdeckung, eine neue Figur, ein Geräusch oder ein plötzliches Ereignis - irgendetwas sollte sich in deinem Abschnitt verändern oder steigern.
- Schließe mit einem Cliffhanger oder einer offenen Frage: Das erleichtert der nächsten Person das Weiterschreiben und hält die Spannung aufrecht.
Stilmittel für lebendige Abschnitte
Eine gute Kettengeschichte lebt von abwechslungsreicher Sprache. Mit diesen Mitteln machst du deinen Abschnitt lebendig:
- Starke Verben: Schreibe "Er stürzte die Treppe hinunter" statt "Er fiel die Treppe runter".
- Direkte Rede: Lass Figuren sprechen. Das macht Szenen lebhaft und bricht langen Fließtext auf.
- Sinneseindrücke: Beschreibe, was Figuren sehen, hören, riechen oder fühlen. Leser tauchen so tiefer in die Geschichte ein.
- Variierte Satzlänge: Kurze, abgehackte Sätze erzeugen Spannung. Längere Sätze beschreiben Atmosphäre und Ruhe.
Wenn du schon weißt, wie man eine Erzählung schreibt, kannst du diese Techniken direkt auf deinen Kettengeschichten-Abschnitt übertragen.
Beispiel: So könnte eine Kettengeschichte aussehen
Hier siehst du drei aufeinanderfolgende Abschnitte einer Kettengeschichte, wie sie im Unterricht entstehen könnten:
Abschnitt 1 (Schülerin A):
Als Jonas die alte Scheunentür aufstieß, schlug ihm ein modrig-süßer Geruch entgegen. Im Halbdunkel erkannte er eine Holztreppe, die steil nach oben führte. Er zögerte kurz, dann betrat er die erste Stufe.
Abschnitt 2 (Schüler B):
Plötzlich hörte er hinter sich ein Knacken, als ob jemand auf altes Holz trat. Er wirbelte herum. Die Scheunentür war geschlossen. Dabei erinnerte er sich genau: Er hatte sie offen gelassen. Ein leises Rascheln kam von der Ecke hinter dem Heuballen.
Abschnitt 3 (Schülerin C):
"Wer ist da?", rief Jonas, und seine Stimme klang viel zu dünn in dem großen Raum. Aus dem Dunkel tauchte ein junges Mädchen auf, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, mit einem zerbeulten Rucksack auf dem Rücken. "Bitte verrät mich nicht", flüsterte sie. "Ich habe sonst niemanden mehr."
Siehst du, wie jeder Abschnitt direkt dort ansetzt, wo der vorherige aufgehört hat? Jeder bringt etwas Neues, aber niemand reißt den roten Faden ab.
Häufige Fehler beim Kettengeschichte schreiben
Diese Fehler passieren besonders oft - und du kannst sie leicht vermeiden:
- Die Geschichte neu erfinden: Du setzt eine bestehende Geschichte fort, du erfindest sie nicht neu. Figuren, Ort und Ton müssen zum Vorherigen passen.
- Den Vorgänger-Abschnitt ignorieren: Lies sorgfältig, bevor du schreibst. Sonst passieren logische Brüche, die die Geschichte unglaubwürdig machen.
- Die Spannung sofort auflösen: Wenn du das Geheimnis oder den Konflikt in deinem Abschnitt komplett löst, hat die nächste Person nichts mehr zum Schreiben.
- Zu wenig schreiben: Wenn jeder nur zwei oder drei Sätze schreibt, bleibt die Geschichte flach. Mindestens acht bis zehn Sätze geben deinem Abschnitt Tiefe.
- Den Stil komplett wechseln: Wenn die Geschichte bisher ernst und spannend war, ist es unpassend, plötzlich komisch zu werden. Behalte den Ton.
Tipps für die Kettengeschichte im Unterricht
Wenn deine Klasse gemeinsam an einer Kettengeschichte arbeitet, helfen diese Tipps:
- Figuren und Orte merken: Notiere dir beim Lesen die wichtigsten Namen und Orte. So passieren dir keine Fehler, wenn du die Geschichte weiterschreibst.
- Am Anfang Thema einigen: Viele Klassen einigen sich zu Beginn auf eine Grundidee: Abenteuergeschichte, Gruselgeschichte oder Alltagsgeschichte. Das gibt allen eine Richtung.
- Laut vorlesen am Ende: Wenn die Geschichte fertig ist, lest sie gemeinsam laut vor. Brüche im Stil oder in der Logik fallen beim Vorlesen sofort auf.
Die Nachhilfe Mentor App hilft dir, deinen eigenen Abschnitt zu überprüfen: Du kannst gezielt Fragen zu Aufbau, Stil und Konsistenz stellen, bevor du das Blatt weitergibst.
Variante: Individuelle Kettengeschichte
Manchmal gibt die Lehrkraft eine individuelle Variante als Hausaufgabe auf. Du bekommst dann fünf oder sechs vorgegebene Startsätze und sollst daraus eine zusammenhängende Geschichte bauen. Hier gelten die gleichen Regeln: Knüpfe nahtlos an, steigere die Spannung und sorge für ein befriedigendes Ende. Wenn du eine solche Aufgabe bekommst, kann dir unser Artikel über das Weitererzählung schreiben noch zusätzliche Techniken zeigen.
Checkliste: Kettengeschichte schreiben
- Den bisherigen Text aufmerksam gelesen?
- Figuren, Ort und Stimmung übernommen?
- Nahtlos an den letzten Satz angeknüpft?
- Ein neues Element oder Ereignis eingebaut?
- Spannung aufgebaut statt sofort aufgelöst?
- Abschnitt mit einem Cliffhanger oder offener Frage beendet?
- Mindestens acht bis zehn Sätze geschrieben?
- Starke Verben, direkte Rede und Sinneseindrücke verwendet?
- Den Ton der Geschichte beibehalten?
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