Die Aufgabe klingt verlockend einfach: Du bekommst den Anfang einer Geschichte und sollst sie fortsetzen. Doch genau dort beginnt für viele Schülerinnen und Schüler die Unsicherheit. Wohin geht die Handlung? Wie schreibst du im gleichen Ton weiter? Und was macht eine gute Weitererzählung überhaupt aus? Dieser Artikel zeigt dir Schritt für Schritt, wie du eine Weitererzählung schreiben kannst, die deine Lehrerin oder deinen Lehrer wirklich überzeugt.
Was ist eine Weitererzählung?
Eine Weitererzählung ist eine Schulaufgabe, bei der du einen vorgegebenen Textanfang selbstständig fortsetzt. Der Ausgangstext stammt aus einer Geschichte, einem Bilderbuch, einem Lesebuch oder ist eigens für die Aufgabe verfasst. Deine Aufgabe ist es, die Handlung logisch fortzuführen, die Figuren weiterzuentwickeln und die Geschichte zu einem stimmigen Ende zu bringen.
Im Gegensatz zur freien Erzählung bist du bei der Weitererzählung an bestimmte Vorgaben gebunden: Figuren, Ort, Zeit und Tonlage müssen zum Anfang passen. Du setzt die Geschichte fort, erfindest sie nicht neu.
Weitererzählung schreiben: So bereitest du dich vor
Bevor du mit dem Schreiben beginnst, liest du den Ausgangstext genau durch. Mach dir dabei Notizen zu diesen vier Punkten:
- Figuren: Wer kommt vor? Wie sprechen und verhalten sich die Personen? Wie heißen sie?
- Ort und Zeit: Wo und wann spielt die Geschichte? Drinnen oder draußen, Tags oder Nachts, in der Gegenwart oder Vergangenheit?
- Stimmung und Tonlage: Ist der Text spannend, lustig, traurig, geheimnisvoll? Diese Atmosphäre musst du aufgreifen.
- Offener Faden: An welchem Punkt bricht der Text ab? Was ist noch ungeklärt? Genau dort setzt du an.
Erst wenn du diese vier Punkte kennst, planst du kurz in Stichworten, wie deine Fortsetzung verlaufen soll. Ein grober Plan mit drei Punkten reicht: Was passiert als nächstes? Wo liegt die Spannung? Wie endet die Geschichte?
Der Aufbau deiner Weitererzählung
Eine gute Weitererzählung folgt demselben Dreierschritt wie eine vollständige Erzählung:
- Anknüpfung: Du greifst direkt den letzten Satz oder die letzte Szene des Ausgangstextes auf. Keine neue Einleitung nötig. Fang dort an, wo der Text aufgehört hat.
- Hauptteil mit Steigerung: Lass die Handlung nicht sofort lösen. Baue einen Konflikt oder eine Herausforderung ein. Vielleicht passiert unerwartetes, eine Figur trifft eine Entscheidung, oder es taucht ein Hindernis auf. Deine Geschichte braucht einen Höhepunkt.
- Schluss: Löse den Konflikt auf eine nachvollziehbare Art. Der Schluss muss nicht happy sein, aber er muss das Geschehene zu einem Ende bringen. Offene Enden sind nur dann sinnvoll, wenn du sie bewusst einsetzen willst.
Ein Beispiel
Der Ausgangstext endet mit: „Lena hielt die alte Kiste in den Händen und wagte kaum zu atmen. Was mochte darin sein?"
Eine gute Anknüpfung: „Mit zitternden Fingern öffnete sie den Deckel. Ein goldener Schlüssel lag auf einem vergilbten Brief. Darauf stand in geschwungener Schrift: Für dich. Wenn die Zeit gekommen ist."
Siehst du? Die Fortsetzung greift die Stimmung (Spannung, Geheimnis) direkt auf und führt sie weiter. Es entsteht eine neue Frage, die den Leser neugierig macht.
Spannende Sprache: So schreibst du flüssig weiter
Beim Weitererzählung schreiben ist die Sprache genauso wichtig wie die Handlung. Achte auf folgende Punkte:
- Zeitform: Erzählungen stehen meist im Präteritum (sagte, lief, öffnete). Bleib konsequent in der gleichen Zeit wie der Ausgangstext.
- Direkte Rede: Lass die Figuren sprechen. Dialoge machen die Geschichte lebendig und zeigen, wie die Personen denken und fühlen.
- Starke Verben statt schwacher Umschreibungen: Nicht „ging schnell", sondern „rannte". Nicht „sagte laut", sondern „rief".
- Sinneseindrücke: Was sieht, hört, riecht oder fühlt die Hauptfigur? Solche Details machen deine Geschichte greifbar.
- Satzvarianz: Wechsle zwischen kurzen und langen Sätzen. Kurze Sätze im Höhepunkt erzeugen Spannung. Längere Sätze helfen beim Aufbau der Stimmung.
Falls du unsicher bist, ob dein Text im richtigen Ton ist, kannst du die Nachhilfe Mentor App nutzen: Du gibst den Ausgangstext und deine Fortsetzung ein und erhältst gezielte Rückfragen, die dir helfen, Tonlage und Aufbau zu verbessern.
Mehr zu Erzähltechniken und Spannungsaufbau findest du auch in unserem Artikel zum Erzählung schreiben.
Häufige Fehler beim Weitererzählung schreiben
Diese Fehler kommen in der Schule am häufigsten vor:
- Die Geschichte neu erfinden: Du änderst Namen, Ort oder Stimmung vollständig. Halte dich an den vorgegebenen Rahmen.
- Sofortige Auflösung: Der Konflikt löst sich im ersten Satz. Lass die Spannung noch etwas wachsen, bevor du zur Lösung kommst.
- Kein Schluss: Die Weitererzählung bricht mitten in der Handlung ab. Plane bewusst ein Ende ein, auch wenn es kurz ist.
- Zeitformwechsel: Du wechselst zwischen Präteritum und Präsens hin und her. Das verwirrt die Leser und kostet Punkte.
- Dann-Ketten: Dann passierte X. Dann machte Y. Dann kam Z. Verknüpfe Ereignisse besser: „Als X passierte, beschloss Y..." oder „Kurz darauf...".
- Zu kurz: Eine Weitererzählung braucht einen echten Mittelteil. Wenn du in drei Sätzen fertig bist, fehlt die Entfaltung.
Weitererzählung oder Erlebniserzählung?
Manchmal verwechseln Schülerinnen und Schüler diese beiden Aufgabentypen. Der wichtigste Unterschied: Bei der Erlebniserzählung erzählst du von einem eigenen (echten oder erfundenen) Erlebnis in der Ich-Form. Bei der Weitererzählung führst du einen fremden, vorgegebenen Text fort, meist in der Er/Sie-Form, und bleibst den vorgegebenen Figuren und der vorgegebenen Welt treu.
Checkliste: Weitererzählung schreiben
- Ausgangstext genau gelesen und verstanden?
- Figuren, Ort, Zeit und Stimmung notiert?
- Einen groben Plan (3 Stichpunkte) gemacht?
- Nahtlose Anknüpfung an die letzte Szene?
- Einen Höhepunkt oder Konflikt eingebaut?
- Die Geschichte zu einem Schluss geführt?
- Konsequentes Präteritum verwendet?
- Direkte Rede eingesetzt?
- Dann-Ketten vermieden?
- Text noch einmal durchgelesen und Zeitform geprüft?
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